Buchpräsentation "Unser Leben - ein Wimpernschlag" am 25. April 2020 im Schloss Grafenegg
Buchpräsentation "Unser Leben - ein Wimpernschlag" am 25. April 2020 im Schloss Grafenegg
 

?HzTotenstille

 

Es ist ein wunderschöner sonniger Tag; die warmen Strahlen erreichen jedes Menschenkind, jedes Tier im Wald über der Erde und unter der Erde, jede Pflanze, die ihre Wurzeln spürt und auch die Pflanzen, die in den Zimmern auf Fensterbrettern stehen. Sie jubilieren über die Kraft, die dadurch in ihrem Inneren entsteht.

Auch am Friedhof erkennen die Seelen in den Gräbern, dass die Sonne scheinen muss, denn es wird wärmer, lebendiger um sie her. Was bis jetzt im Winterschlaf gelegen ist, wird munter und so fangen auch die Seelen an, wieder miteinander zu kommunizieren.

Man erzählt sich die Geschichten des Lebens, die Geschichten aus längst vergangenen Tagen, Geschichten, die ihre Spannung und ihren Sinn aber nicht verloren haben. Als aus Grabreihe 14 eine junge klare Stimme zu erzählen beginnt, werden alle anderen Stimmen leiser. Verwundert, erstaunt und berührt verstummen ihre Gespräche und sie hören aufmerksam zu. Diese junge Stimme erzählt von ihrem Leben, von ihren Ängsten, von ihren Erfahrungen und vor allem vom Sinn ihres Lebens, den sie zu erkennen glaubt.

„Ich war ein junges Mädchen mit Hoffnungen, undefinierbaren Zielen und Freude am täglichen Leben. Mein Elternhaus ließ mich nicht erahnen, was Unheilvolles das Leben oft zu bieten hat. Ich konnte lachen, träumen, lügen, spielen, Unsinn machen, soviel ich wollte. Jeder liebte mich so, wie ich war, wie ich sein wollte. Dann plötzlich geschah diese Veränderung, die jede bisherige Freude Vergangenheit werden ließ. Krieg! Flucht! Angst! Verlust! Einsamkeit! Schutzlosigkeit! Verzweiflung! Heimatlos! Arbeit, viel Arbeit, schwere und nie enden wollende Arbeit. Dann plötzlich ein Lichtstrahl, ein Gesicht, eine Liebe fürs Leben. Allen Schwierigkeiten zum Trotz Hingabe, Liebe und Hoffnung. Die Folge davon hatte zwei Füße, zwei Hände und einen wunderhübschen klugen kleinen Kopf. Dieses Kind wurde Hauptsache, ich Nebensache. Ich konnte nicht mehr. Alles andere war wichtig, warum nicht auch ich?

Leise begann ich wichtig zu sein, mit Geschichten, mit Hilfe des Kindes und der weiteren Kinder, die noch kommen sollten. Krankheit war ein gutes Mittel, ebenso die Macht, die ich durch die Kinder hatte. Jammern und übertreiben genügten und schon war ich Mittelpunkt. Einfach, so einfach. Ich übertrieb mit der Zeit, wusste selbst nicht mehr, wo die Grenze war zwischen Wahr und Erfunden, zwischen schlecht und recht. Man fürchtete mich, weil ich gehässig sein konnte, man liebte mich, weil ich hilfsbereit war, wenn ich wollte. Man hatte Respekt vor mir, wenn ich aggressiv reagierte und man bemitleidete mich, wenn ich jammerte. Angst vor Kritik – kannte ich nicht. Ich kritisierte lieber selber, sodass man Angst vor meiner Kritik hatte. Wenn es etwas zu erzählen gab, dann habe ich das ausgeschmückt, es genossen. Irgendwie habe ich nie den Schmerz gespürt, der rund um mich dadurch entstanden ist. – ich wollte ihn nicht sehen, es war mir egal.“

Aufgeregte Stimmen in den Gräbern fingen an Fragen zu stellen und die junge Stimme aus Reihe 14 brachte diese mit ihrer Betonung in der Stimme zum Schweigen, eine Eigenschaft, die ihr geblieben war. „Ihr wollt wissen, warum ich heute darüber traurig bin? Warum ich all diese Betroffenheit, die dadurch oft entstanden ist, nicht gesehen habe?

Weil ich beschämt bin. Tief beschämt. Meine Kinder wussten um meine Fehler, sie haben darunter gelitten, sie haben sich dafür geschämt, sie haben mich nicht verstanden, aber trotzdem – ich wusste und spürte, dass sie mich liebten. Darum habe ich auch nie aufgehört damit. Ich war so streng mit ihnen, mir ist öfter die Hand ausgerutscht, ich habe sie gezüchtigt, wenn sie nicht folgsam waren.  Meine Kinder fürchteten mich und haben mich trotzdem geliebt. Heute kommen sie zu meinem Grab und stehen mit Tränen in den Augen an meinem Grab und wie gerne möchte ich ihnen sagen, dass dies alles nichts mit ihnen zu tun hatte, sondern nur mit mir. Mit meinem Egoismus, der mich in jenen Tagen getragen hat, der mich aber trotzdem gleichzeitig gejagt hat, von der Wut zum Ärger, von der Angst zum Angriff, von der Trauer zur Gehässigkeit, ohne Wenn und Aber.“

Es entstand ein Schweigen auf dem Friedhof und es ging ein Raunen durch die Reihen, weil genau jetzt Stimmen am Grab in der 14. Reihe hörbar wurden, die jedoch von keiner Seele stammten. Das Grab in Reihe 14 bekam frische Blumen, Kerzen wurden angezündet und die Worte, die diese Menschen miteinander wechselten, blieben nicht ungehört: „Weißt du noch, wie garstig sie sein konnte“ – „Ja und wie hart sie manchmal war“, „….und erst zu Papa, der so geduldig war“, „aber sie hatte ein Herz, ein wirklich gutes Herz, das haben wir immer geliebt und das ist uns geblieben. Ihre harte Schale, die Hülle, der Körper, war ihr Schicksal. Sie konnte nicht anders, aber ihr Herz, das haben wir heute noch in uns. Das hat sie uns auch spüren lassen, zum Glück. So konnten wir sie lieben. Und wenn ein Teil davon auch in mir ist, dann nehme ich ihn an als ein Geschenk, der mir Kraft gibt ……..“. „Ja, du bist manchmal wie sie und ihr Herz hast du auch“ – „übrigens – horcht einmal - diese Stille,  merkt ihr das auch? Jetzt weiß ich, warum man am Friedhof von  „Totenstille“ spricht.“

 

 

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